Kellers Geschichte
Sonntag um elf klopfte Herr Lebrecht die Schnitzel
In Egnach lebte ich im Hochparterre eines Hauses auf dem Areal der Mosterei. Über uns wohnten zwei ältere Ehepaare mit sprechenden Namen, sagen wir: Lebrecht und Wohlgemuth. Jeden Sonntag um elf klopfte Herr Lebrecht die Schnitzel. Zu einer bestimmten Zeit im Jahr grub er im Garten die Tulpen aus und verbrachte sie in den Keller, um sie zu einer bestimmten Zeit wieder einzupflanzen. Lebrecht und Wohlgemuth waren pensionierte Angestellte der Mosterei. An ihre Frauen erinnere ich mich kaum.
Die Wohnung gemietet hat K., meine erste Freundin. Die Möbel bestehen zum Teil aus Obstharassen, was Mode ist. Das Telefon hängt im Flur, an die Wand geschraubt, man steht beim Telefonieren. Es gibt auch einen Spanner im Dorf, der nachts zum Fenster hochklettert um K. zu beobachten. Weil er dabei an der Fassade ein Geräusch verursacht, kann ich ihm auflauern und gemahlenen Pfeffer in die Augen streuen. Er wird niemals wieder kommen.
Das Haus liegt vierhundert Meter vom See. Der idyllische Badeplatz gehört dem Vernehmen nach einer Käsersfamilie, aus der Jahre später ein preisgekrönter Dichter und Performer hervorgeht. Der Platz ist öffentlich, eine Sandbank im Schilf unweit des Schlosses, das einem Millionär gehört und nicht betreten werden darf. Zwischen Wohnung und See steht die Druckerei von Arnold Schwitter. Dieser hat in den fünfziger Jahren eine freche nonkonformistische Kulturzeitschrift verlegt. Redigiert unter anderem vom Künstler Jürg Schoop und vom Typografen und Schriftsteller Beat Brechbühl. Die Zeitschrift heisst «Clou», sie wird wahrgenommen. Kunst, Lyrik, Jazz, etwas Sex und Friedenspolitik. Sogar Leute wie Jean Cocteau schreiben für den «Clou». Nach einer Verleumdungskampagne in der Lokalzeitung muss das Heft eingestellt werden. Fast geht Schwitter darob Pleite. Die Aufträge brechen weg, er gilt nun als Kommunist. Zu meiner Zeit betreibt er die Druckerei aber immer noch. Sommers empfängt er Kunden wie mich manchmal nackt bis auf eine äusserst knappe Badehose.
In der kalten Jahreszeit stellt die Mosterei auch Schnäpse her. Die Brennerei steht vor unseren Fenstern, man besäuft sich an der Atemluft. Es ist eine gute Zeit in Egnach, die endet, als K. eine neue Wohnung findet und ich im letzten Moment merke, dass ich dort nicht vorgesehen bin. Einer meiner Brüder erscheint mit Traktor und Wagen. Transportiert meine Habseligkeiten ab.
Stefan Keller, 1958, Historiker aus dem Thurgau, lebt in Zürich.
(Bild) Mosterei Egnach, ohne Jahr. (Foto Theodor Brüschweiler)
Der Text erschien erstmals im Ostschweizer Kulturmagazin Saiten